Deutscher Journalisten-Verband Landesverband Niedersachsen
Woran sollen sich künftige Tarifverhandlungen orientieren?

Wie kann Flexibilität in einem Tarifvertrag so messerscharf formuliert werden, dass diese auch in der Praxis greift? Klar ist doch: Wenn Arbeitnehmer Flexibilität anbieten, dann muss auch auf Seiten der Arbeitgeber verbindliche Flexibilität gewährt werden. Doch da – so ist in anderen Branchen zu beobachten – tun sich die Arbeitgeber schwer.
 
Zur Erinnerung: Die Eisenbahn-Gewerkschafter und die IG Metall haben in ihren jüngsten Gehaltsabschlüssen ein Wahlrecht zwischen Geldzahlungen und Freizeit (unter bestimmten Bedingungen wie Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen) vereinbart. Eine Entwicklung, die auch bei den DJV-Mitgliedern auf großes Interesse trifft. Kleine Umfragen – durchaus unverbindlich – im Kollegenkreis haben diesen Trend immer häufiger bestätigt.
 
Doch in der Praxis ist es gar nicht so leicht, die Arbeitspläne so zu gestalten, dass den Wünschen nach mehr Freizeit für die Pflege von Kindern und älteren Angehörigen verlässlich gewährt werden. Zweifellos ein Problem, das von den Verhandlungskommissionen am Hoteltisch so nicht erkannt worden ist. Denn unweigerlich stellt sich die Frage: Was sind Zugeständnisse der Arbeitnehmer mit mehr Flexibilität tatsächlich wert, wenn diese auf der Gegenseite von den Arbeitgebern mit zu vielen Randbedingungen praktisch nur in Ausnahmefällen überhaupt möglich ist?
 
Klar ist für die Gewerkschaftsseite, dass es seitens der Verlage endlich aufhören muss, Journalistinnen und Journalisten in neue Firmen auszugliedern, um ihnen nicht mehr Tariflöhne zahlen zu müssen. Dass sich diese Strategie allmählich rächt, wird daran deutlich, dass der Beruf des Journalisten aufgrund der schlechten Bezahlung und des hohen zeitlichen Aufwands erheblich an Attraktivität verloren hat, von einer vernünftigen Work-Life-Balance, wie sie heute offen gefordert wird, ganz zu schweigen. Dass junge Leute den Verlagen längst nicht mehr die Tür einrennen, um ein Volontariat zu ergattern, wird an den Stellenanzeigen der Verlage deutlich, die es in dieser Form seit Jahren nicht mehr gegeben hatte.
 
Apropos hoher zeitlicher Aufwand. Da hat die EU mit einem Urteil zu zwingenden Arbeitszeiterfassung einen Pflock eingeschlagen, an dem niemand mehr vorbeikommt. Das gilt sowohl für die Verlage, die sich ohne die Erfassung nicht mit der Frage von Überstunden zu befassen brauchten, als auch für Redakteurinnen und Redakteure, denen es eher peinlich war, ihre tatsächliche Arbeitszeit ehrlich zu dokumentieren. Überstunden einzufordern, so was machen Redakteure doch nicht, das gehört doch zum Beruf, so die irrige Annahme von Verlagshörigen, die sich bislang nicht getraut hatten, sich selber einzugestehen, dass sie innerhalb weniger Jahre ihrem Verlag eine sechsstellige Euro-Summe „geschenkt“ hatten, ohne dass diese irgendeine Würdigung erbrachte.
 
Nun ist endgültig Schluss damit. Endlich können Verlage tatsächlich – im wahrsten Sinne des Wortes – messen, wie viel journalistische Arbeit anfällt, um Tag für Tag, nein oft in den neuen Medien Stunde für Stunde die Nachrichtenpalette am liebsten rund um die Uhr möglichst aktuell zu bedienen. Und würdigen das die Kunden, die Leser, die dafür bezahlen?
 
Als Rädchen im Meinungsbildungsprozess, wie Tarife in Zukunft aussehen können, bin ich sehr gespannt, wann die innerverbandliche Debatte darüber so richtig Fahrt aufnimmt. Spätestens im Sommer wird sich aber herauskristallisieren, wo der Zug der Gehaltstarifvertragsverhandlungen im Herbst hinfahren soll. Ich bin sehr gespannt.
 
Wer sich für die Themen näher interessiert, kann sich gerne bei mir melden per E-Mail an axel.schmidt1@t-online.de.
 
Axel Schmidt

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