Deutscher Journalisten-Verband Landesverband Niedersachsen
"Macht den Zugang zum Journalismus durchlässiger!"

In Redaktionen unfruchtbare Suche nach neuen Blickwinkeln

 

Anna Aridzanjan (t-online) bei ihrer Keynote zum DJV-Kongress in HannoverEinige Zuhörer*innen schmunzeln, als Keynote-Sprecherin Anna Aridzanjan einen Cartoon zeigt, auf dem mehrere gleich aussehende Männer in einem Konferenzraum zusammensitzen und sich fragen: „Warum haben wir hier keine frischen Ideen?“ Die unfruchtbare Suche nach neuen Blickwinkeln in Redaktionen, deren Zusammensetzung nach Geschlecht, Bildung und Herkunft sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert hat, kommt vielen bekannt vor.

 

Aridzanjan eröffnete den Kongress „Vielfältig statt einfältig!“, zu dem der DJV Niedersachsen am 30. November in das Kulturzentrum Pavillon nach Hannover eingeladen hatte, mit einem sehr persönlichen Input unter dem Titel „Ein Herz für Underdogs“. Darin berichtete die Journalistin (t.online.de) , die als Flüchtlingskind aus Armenien nach Deutschland kam, von Kindheit, Schulzeit, Familie und Erfahrungen im Beruf.

 

„Man sollte in der Redaktion nicht der Quotenmuslim, Quotenflüchtling oder ähnliches sein und nur über diese Themen schreiben", betonte Aridzanjan.  „Aber wir bringen die Expertise unserer Identität mit." Sie kritisierte, dass die Wege in den Journalismus momentan so elitär seien, dass man sich nicht zu wundern brauche, dass sich manche Personengruppen gar nicht erst bewerben.

 

Tipps für Journalist*innen mit Migrationshintergrund: Trang Dang („heute journal“)/ Foto: Sascha PriesemannIn mehreren Workshops näherten sich danach die 85 Teilnehmer*innen dem Thema Vielfalt im Journalismus. Die Journalistin Trang Dang („heute journal“), die sich beim Berufsverband Neue Deutsche Medienmacher*innen engagiert, gab Tipps für Journalist*innen mit Migrationshintergrund, die auch heute noch immer wieder mit Rassismus und Vorurteilen konfrontiert würden. So es sei auch ein als Lob gemeinter Satz wie „Sie beherrschen die deutsche Rechtschreibung aber gut“ vorurteilsbelastet. Judyta Smykowski (leidmedien.de) sensibilisierte für eine Sprache, die Behinderte vorkommen lässt ohne sie zu diskriminieren und gab den Zuhörer*innen viele praktische Hinweise mit auf den Weg.

 

Juliane Löffler und Pascale Müller (Buzzfeed Deutschland) / Foto: Florian PetrowDie buzzfeed-Journalistinnen Juliane Löffler und Pascale Müller berichteten in einem Werkstattgespräch über ihre erfolgreichen Recherchen auf den Themengebieten wie Ausbeutung, Machtmissbrauch und Feminismus. Beide bekommen mittlerweile von Informant*innen so viele Hinweise zugespielt, dass sie diese gar nicht mehr zeitnah bearbeiten können.  Cornelie Kunkat vom Deutschen Kulturrat belegte anhand von Statistiken eindrucksvoll die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen im Medien- und Kulturbetrieb an und zeigte Möglichkeiten von Mentoringprogrammen auf. Kunkat machte deutlich, dass in der Wirtschaft das Verständnis für Teilhabe von Frauen mittlerweile stärker vorhanden sei als im Kulturbereich.

 

Das Abschlusspodium moderierte die Bremer Journalistin Libuše Černá / Foto: Florian Petrow Abschließend wurde - moderiert von der Bremer Journalistin Libuše Černá – darüber diskutiert, wie es gelingen kann, Redaktion vielfältiger zu besetzen. Der freie ARD-Journalist Vasilli Golod betonte, dass ein spezielles Programm für junge Journalist*innen mit Migrationshintergrund beim WDR gut funktionieren würde und ähnliches auch in Verlagen umsetzbar sei, wenn sie es denn nur wollten. Die bereits in der Keynote aufgeworfene Forderung, den Zugang zum Beruf durchlässiger zu machen, wurde auch von Diskutant*innen auf dem Podium aufgegriffen. „Journalismus ist ein Handwerk, das jeder lernen kann“, betonte Sportreporter Felix Edeha. Wichtig sei, dass Praktika bezahlt werden, damit zum Beispiel auch Arbeiterkinder eine Chance bekommen.

 

Anna-Marina Wagner, Referentin für Chancengleichheit und Diversity beim DJV empfahl Medienhäusern die „Charta der Vielfalt“ zu zeichnen. Denn mit der Unterzeichnung verpflichteten sich Unternehmen, Organisation und Personalpolitik im Sinne der Charta zu prüfen und zu verändern.  Dany Schrader vom RedaktionsNetzwerk Deutschland sagte, dass die Berichterstattung bereits vielfältiger würde, wenn man jüngeren Kolleg*innen die Themen und Projekte machen ließe, die sie wollen.

 

Publikum beim DJV-Vielfalskongress / Foto: Florian PetrowAuch bei der Integration behinderter Journalist*innen ist in den Redaktionen häufig nicht die nötige Offenheit vorhanden. Wie falsch das ist, machte Thomas Mitterhuber (Chefredakteur Deutsche Gehörlosenzeitung) deutlich. Nach den Grenzen für gehörlose Journalist*innen gefragt wurde, antwortete er: „Gehörlose können alles, außer hören." Dafür gab es viel Applaus – auch in Gebärdensprache.    

Text: Christiane Eickmann

Fotos: Florian Petrow und Sascha Priesemann

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