Deutscher Journalisten-Verband Landesverband Niedersachsen
Covid-19 zwingt selbst 007 in die Knie

Auch viele freischaffende Journalisten müssen sich in Zeiten einer Pandemie umstellen und ins „Home Office“ ausweichen / Auswirkungen sind für die Betroffenen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzbar

von Werner Jürgens

„Irgendwelche Dinge im Netz zu recherchieren, ist auf die Dauer keine praktikable Lösung“: Auch unser Mitglied Werner Jürgens kann derzeit nur noch von seinem heimischen Schreibtisch aus agieren. / Foto: JürgensAurich. „Wie, du hast kein Candy Crush auf deinem Computer?“´, meinte neulich eine Freundin zu mir. Was den Arbeitsalltag von uns freischaffenden Journalisten angeht, existieren offenbar gewisse Vorurteile, die sich nach wie vor hartnäckig zu halten scheinen. Auch von fest angestellten Kollegen bin ich bei gemeinsamen morgendlichen Terminen bereits des Öfteren mit dem Spruch: „Na, schon wach?“ begrüßt worden.

Tatsächlich wäre es für mich ein Leichtes, meinen Tagesablauf gemäß solcherlei Phantasien zu gestalten und zu genießen. Dummerweise hat die Sache einen Haken: Meine Abnehmer bezahlen mir bloß das, was am Ende von mir bei ihnen veröffentlicht wird. Allein deshalb könnte ich es mir langfristig nicht leisten, zu „luschig“ zu agieren. Dadurch würde ich mir letztlich ins eigene Fleisch schneiden. Als Freischaffender musst du sehr diszipliniert und gut organisiert sein, um zu überleben. Darum sind weder auf meinem Computer noch auf meinem Smartphone „Candy Crush“ oder dergleichen Daddel-Kram gespeichert. Für so was habe ich einfach keine Zeit.

Es ist zwar richtig, dass das Gros meiner Arbeit am PC und am Schreibtisch passiert. Dieser Anteil dürfte sich sogar deutlich über 50 Prozent bewegen. Insofern mag die dringende Empfehlung, während der Coranakrise zuhause zu bleiben und im „Home-Office“ zu arbeiten für Leute wie mich zunächst wie maßgeschneidert klingen. Aber wir Freischaffenden sind mitnichten reine Stubenhocker. Oft greifen die Redaktionen auf uns zurück, wenn sie einen Pressetermin aus Zeit- oder Personalmangel nicht selber besetzen können. Diese für uns immens wichtige Einnahmequelle in den vergangenen Wochen praktisch komplett versiegt. Es gibt schlicht und ergreifend kaum Termine, die zu besetzen wären. Das betrifft beispielsweise Sport- und Kulturveranstaltungen, die uns Freien besonders gern überlassen werden, da diese Events jenseits regulärer Dienstzeiten abends oder an Wochenende und Feiertagen stattzufinden pflegen.

Natürlich lässt sich einiges übers Internet oder per Telefon regeln. Wenn ich Künstler interviewe, geschieht das meistens auf diesem Wege. Der Anlass ist in der Regel jedoch ein bevorstehender Auftritt. „Wir haben für eine tolle Live-Show vorbereitet und freuen uns darauf, sie mit unseren Fans teilen zu dürfen“, höre ich von vielen Musikern, die ihren Konzerten mindestens genauso entgegenfiebern wie das Publikum und solche Interviews nach meinem Empfinden nicht nur als reine Promotion betrachten sondern sie bisweilen auch als eine Art mentale Einstimmung auf ihre Tour nutzen. Analog dazu wird bei den Fans die Vorfreude auf das Ereignis angeheizt. Da über unsere Bühnen bis auf weiteres buchstäblich nichts und niemand mehr geht, kann ich mir meine Interviews einstweilen wohl abschminken.

Aus ähnlichen Gründen habe ich bereits meine wöchentliche Kino-Rubrik eingestellt. Was hat die Leserschaft von aktuellen Film-Tipps, wenn die Kinos geschlossen sind? Ungeachtet dessen wurden bei etlichen Blockbustern die Start-Termine ohnehin verschoben. Davon betroffen ist u.a. kein Geringerer als James Bond. Dessen neuestes Leinwandabenteuer sollte eigentlich im April anlaufen. Inzwischen wurde der Start auf den Herbst verlegt. Das, woran Oberschurken der Marke Blofeld oder Goldfinger nebst diversen KGB-Spitzenkräften in den vergangenen Jahrzehnten allesamt kläglichst gescheitert sind, schafft nun eine durch ein winziges Virus ausgelöste Pandemie: Covid-19 zwingt selbst einen 007 in die Knie.

Permanent vor dem heimischen PC-Bildschirm zu hocken und irgendwelche Dinge im Netz zu recherchieren, ist auf die Dauer auch keine praktikable Lösung. Das Internet weiß zwar viel, aber längst nicht alles. Und sobald sich irgendwo Fehler einschleichen, verbreiten die sich nicht selten ebenso rasant und penetrant wie ein Virus. Von den berühmt-berüchtigten „Fake News“, wie sie uns gerade jetzt wieder tagtäglich zuhauf begegnen, will ich an dieser Stelle gar erst nicht anfangen. Stattdessen nehme ich ein eher unverfängliches Beispiel aus meiner journalistischen Praxis. Als ich das exakte Geburtsjahr von Miene Schönberg, der aus Ostfriesland stammenden Mutter der Comedy-Truppe Marx-Brothers, herauskriegen wollte, stieß ich auf widersprüchliche Zahlen. Auf dem Grabstein der 1929 verstorbenen Dame prangt, wie ich heute weiß, das falsche Geburtsjahr. Aufklären konnten wir das durch einen Blick ins Geburtsregister, das im Auricher Landesarchiv aufbewahrt wird. Ich sage bewusst „wir“, weil ich dieses Dokument bestimmt nie und nimmer zu Gesicht bekommen hätte, wenn ich völlig auf mich alleine gestellt gewesen wäre. Historische Recherchen werden eben keineswegs immer nur von vermeintlichen Eigenbrötlern in deren stillem Kämmerlein realisiert. Für mich haben handfestes „analoges“ Archivmaterial und der lebendige Austausch mit anderen auch hier stets eine große Bedeutung gehabt und sich, nebenbei bemerkt, als recht probates Mittel gegen „Fakes“ jedweder Art erwiesen.

Mittlerweile beschränken sich solche persönlichen zwischenmenschlichen Kontakte fast ausnahmslos auf Mailverkehr, Telefonate und Videokonferenzen. Bei längerfristig angelegten Projekten wie z.B. Beiträgen für Magazine oder Bücher funktioniert das auch noch. Jedenfalls habe ich in dieser Richtung bisher keine gravierenden Einbußen zu beklagen. Gleiches gilt für alles, was sich im Online-Bereich abspielt. Lediglich bei den Zeitungen sind die Anfragen rückläufig. Und ich werde mich darauf einstellen müssen, dass sich diese Tendenz in den nächsten Wochen verschärfen wird. Unter den gegebenen Umständen sind die Redaktionen nach meiner Einschätzung nämlich gut in der Lage, die Hauptlast ihrer Arbeit mit den eigenen Leuten zu bewältigen, sofern alle gesund bleiben, was ich hiermit jedem einzelnen Kollegen und jeder Kollegin, egal ob frei oder festangestellt, ausdrücklich wünsche. Einspringen zu müssen, bloß weil jemand krank geworden ist, das möchte niemand von uns.

Sollte ich krank oder gar berufsunfähig werden, wäre ich zumindest halbwegs abgesichert. Bleibe ich gesund, bin ich es hingegen paradoxerweise nicht. Eine Pandemie, die mich keineswegs zwingt, sondern es mir nur ratsam und vernünftig erscheinen lässt, mich innerhalb meiner eigenen vier Wänden aufzuhalten und so meine Einkünfte schmälert, ist in meinem durchaus umfangreichen Versicherungs-Portfolio nirgends explizit aufgeführt. Da geht es mir wie wahrscheinlich den meisten Freischaffenden: Welche konkreten Auswirkungen Corona auf meine zukünftige berufliche und private Existenz haben wird, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschätzen. Inwieweit die seitens der Politik versprochenen Maßnahmen für Selbständige greifen werden, bleibt ebenfalls abzuwarten.




Mehr
Newsletter